Was ist die Grundrechte-Folgenabschätzung gem. Art. 27 KI-VO?
Geschrieben von Kemal Webersohn, veröffentlicht am 08.08.2025Der Einsatz hochriskanter KI-Systeme kann tiefgreifende Auswirkungen auf die Grundrechte von Menschen haben – und auf Datenschutz, Gleichbehandlung oder Meinungsfreiheit. Um Risiken vorzubeugen, verpflichtet Artikel 27 der EU-KI-Verordnung (KI-VO) Betreiber von hochriskanten KI-Systemen dazu, eine Grundrechte-Folgenabschätzung durchzuführen, bevor das System zum Einsatz kommt.
Artikel 27 betrifft insbesondere öffentliche Stellen und Einrichtungen, die hochrisikobehaftete KI-Systeme im Zusammenhang mit der Erbringung öffentlicher Dienstleistungen nutzen wollen – beispielsweise in den Bereichen Bildung, Sozialleistungen, Migration, Biometrie oder Strafverfolgung. Aber auch Versicherungs- und Bankensektoren müssen bei Anwendung von beispielsweise KI-Scoring-Systemen eine Grundrechte-Folgenabschätzung durchführen. (1)
Bevor solche Systeme in den Betrieb gehen, müssen Betreiber eine dokumentierte Analyse bei der zuständigen Marktüberwachungsbehörde vorlegen, in der sie bewerten:
- Welche Grundrechte betroffen sein könnten,
- welche Risiken oder Schäden für gewisse Personengruppen durch die Nutzung entstehen können,
- welche potenziellen Maßnahmen zur Vermeidung oder Minderung dieser Risiken getroffen werden.
Diese Grundrechte-Folgenabschätzung ist zwar zunächst ein einmaliger Akt, aber auch als Teil eines kontinuierlichen Prozesses zu verstehen. Sie muss aktualisiert werden, wenn sich die Systemfunktion oder der Anwendungskontext wesentlich ändert.
Ziel ist es, die Auswirkungen auf die betroffenen Personen zu verstehen und zu begrenzen – zum Beispiel durch Anpassung der Systemeinstellungen, menschliche Aufsicht oder den Ausschluss besonders sensibler Daten.
Die Ergebnisse der Folgenabschätzung müssen dokumentiert und – soweit zulässig – transparent veröffentlicht werden.
Mit Artikel 27 verankert die KI-VO ein klares Signal: Der Schutz der Grundrechte steht im Zentrum jeder verantwortungsvollen KI-Nutzung.
(Quelle:
1 Vgl.: Martini/Wendehorst/I. Eisenberger KI-VO Art. 27 Rn. 1-14)
Veröffentlicht am 8. August 2025
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Kemal Webersohn,
Geschäftsführer der WS Digital Compliance GmbH und seit über zehn Jahren im Datenschutz und in der Informationssicherheit tätig.
Er schreibt außerdem auf unserem Blog zu Themen rund um Datenschutz, Informationssicherheit und die KI-Verordnung.
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